Bikinibody- eine perfekte Lüge

Bikinibody- eine perfekte Lüge

Über zwei Zwillinge und die Schönheit in uns

Habe ich schon von Lisa und Tina erzählt, den Zwillingen, die sich früher sogar die Mathearbeiten geteilt haben sollen? Obwohl ich noch immer Schwierigkeiten habe, sie auseinanderzuhalten, leben sie heute ziemlich unterschiedlich.

Ungeküsst zur Arbeit...

 

Egal, mit welchem Fuß Lisa aufsteht, er landet zielsicher auf der Fitnessmatte, die für das erste 30-Minuten-Workout des Tages bereitliegt. Muss sein, schließlich sollen Beine und Po das straffe Aussehen einer 18-Jährigen nicht verlieren. Das bestätigen ihr regelmäßig sämtliche Zeitschriften, die im Sparabo jeden Monat Schlankheitskuren und geniale Workouts für die Kaffeepause predigen. Doch schon im Bad folgt die erste Enttäuschung des Tages: Der Spiegel will die Hochglanz-Bilder aus den Illustrierten einfach nicht in die Realität übertragen. Unter diesen Umständen muss die Falte, die sich am Auge bei jeder Gesichtsregung zeigt, selbstverständlich unter Make-up verschwinden. Das gute übrigens, aus der Parfümerie – teuer, aber effektiv. Die Cellulite am Bein ist leider nicht so einfach zu beherrschen. Doch Rettung scheint in Sicht: Lisa hat dafür einen neuen Sportkurs begonnen und mit viel Glück darf sie sich diesen Sommer am Strand im Bikini zeigen. Rein vorsorglich liegen trotzdem schon diese hübschen Seidentücher bereit, die sich elegant um die faltige Hüfte schwingen lassen. Das Frühstück fällt mit einem Apfel in Hafertunke denkbar karg aus, den aktuell ist strenge Diät angesagt. Dennoch hat die Waage auch beim fünften Mal eine leichte Gewichtszunahme angezeigt. Das schafft Frust. Der Abschiedskuss entfällt wegen des Make-ups, trotzdem steht Sven mit Dackelblick vor der Wohnungstür. Unmöglich. In der Kanzlei bellt Lisa zum Ausgleich die Praktikantin zusammen, die mit ihrer jugendlichen Figur nur dazu da ist, Frauen mit gutem Abschluss das Berufsleben zu verleiden.

 

... oder himbeersüß in den neuen Tag

 

Wie sieht es zur selben Zeit bei Tina aus? Wenn sie ihren Fuß (egal welchen) aus dem Bett streckt, landet er auf dem weichen Flausch-Teppich, der auch im Winter so angenehm warm ist. Im Badezimmer ist der Spiegel beschlagen, weil Tim neuerdings immer vor ihr duscht – ist gerecht, schließlich braucht er länger. Mit dem Ärmel des Bademantels legt sie unter den feinen Tropfen ein fröhliches Lächeln frei, das sich in der Küche zum Strahlen verwandelt: Tim hat ihr ein Brötchen mit Frischkäse und selbstgemachter Himbeermarmelade bereitgestellt. „Ich liebe dein kleines Fältchen unter deinem Auge, weil es immer nur dann da ist, wenn du glücklich bist". Dafür hat er sich einen Kuss verdient, wird auch sofort eingelöst. In der Kanzlei ist sie froh, dass die Praktikantin ihr einen Berg Arbeit abnehmen kann. Gleichzeitig lernt die junge Studentin von ihrer Erfahrung – perfektes Teamwork. Das Mädchen ist ohnehin froh über jede Ablenkung, da ihre vierte Beziehung soeben zu Bruch gegangen ist. „Zum Glück keine 20 mehr“, denkt Tina.

 

Eine kleine Lüge

 

Zugegeben, Tina und Lisa gibt es gar nicht. Aber sie stehen symbolhaft für zwei sehr unterschiedliche Leben, die von derselben Frau geführt werden können. Die eine im Reinen mit sich und der Realität, die andere im ständigen Zwang, ferne Ideale erfüllen zu müssen. Wie kommt dieser Drang überhaupt zustande?

 

Eine große Lüge

 

Wer legt fest, wie Frauen heute sein müssen? Eigentlich jeder und vor allem jede, die mit ihrer Zeitschrift, ihrem Youtube-Kanal oder dem Insta-Account wenigstens eine Abonnentin oder Followerin erreicht. Auf diese Weise wird das Ideal des jugendlichen Bikini-Körpers in HD-Auflösung in jedes Wohnzimmer projiziert. Rund um die Uhr, jeden Tag. Ein Pfund zu viel? Schäm dich! Cellulite am faltigen A****? Deine Schuld! Ungefragt dröhnen Aussagen wie diese aus allen Kanälen. Dabei ist die Unvollkommenheit der Influencerinnen-Körper zweitrangig. Mit Photoshop und Co. lassen sich alle Makel beheben, schließlich geht es um die gute Sache. So entsteht eine künstliche Realität aus scheinbar lässigen Schnappschüssen, die in Wirklichkeit erst im x-ten Versuch gelungen sind. Welche Frau kann dieses Ideal erreichen? Keine.

 

Die Wahrheit

 

Im echten Leben haben 90 Prozent der Frauen über 25 Cellulite. „Ich habe winzige Falten an den Beinen, ich bin eine Frau" ist folglich viel schlüssiger als „mit meiner Orangenhaut bin ich die Ausnahme unter allen perfekten Frauen". Leider ist das Bild in der Öffentlichkeit noch immer verkehrt herum. Das ist durchaus im Interesse vieler Einflussnehmer: Die Kosmetikbranche freut sich über steigende Gewinne, die Abnehmindustrie präsentiert jedes Jahr einen neuen Drink, weil die alten nicht gewirkt haben. Sie alle nutzen die Oberflächlichkeit der Gesellschaft, die Menschen vor allem nach ihrem Aussehen bewertet. Das ist übrigens keine neue Erkenntnis, sondern schon seit Jahrhunderten Realität. Allerdings hat sich der Druck stark erhöht: Waren es vor 50 Jahren höchstens die Fernsehsendungen am Abend, die das Ideal der schönen Frau präsentierten, sind schlanke und ebenmäßig gebräunte Körper heute omnipräsent. Ebenso war die „Wunder-Kosmetik" Photoshop nicht bekannt.

 

Was macht Tina richtig?

 

Schönheitswahn auf allen Kanälen, Figur-Frust von morgens bis abends: Das klingt nicht nach einem guten Leben. Ist es auch nicht. Warum ist Tina trotz ihrer scheinbaren Makel glücklich? Weil sie mit sich, ihrem Umfeld und der ganzen Welt im Reinen ist. Sie kann sich dem hingeben, was das Leben schön macht. So haben Frauen im Vergleich zu Männern zum Beispiel den feineren Geschmackssinn. Warum dann die Poren mit Brei verschließen? Dabei muss es nicht das Essen sein, was uns glücklich macht. Ein Nähkurs kann genauso befriedigend sein wie eine Rafting-Tour in Kanada, ganz mutige Frauen heiraten sogar. Wichtig ist, die richtigen Prioritäten für das eigene Leben zu finden und die Kritiker verstummen zu lassen – in den meisten Fällen sind wird das selbst. Ehrliche Komplimente von außen kommen häufig, wir müssen nur hinhören. Die Schlussworte gehören Tina, die ihren persönlichen Weg zum Glück gerne weitergeben möchte:

 

Du bist nicht deine Falten.
Du bist nicht deine Cellulite.
Du bist nicht dein Übergewicht.
Hör auf, dich zu vergleichen - hör auf dich!

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